Weblog von rolf

Juwi mit den Zauberhänden

Nach unserem Ruhetag in Fort Nelson wollen wir eben wieder losrollen, als ich bemerke, dass die Bremsbacken an meinem Hinterrad schleifen!! Erst am Vortag hat Juwi zum wiederholten male an meiner Felge bzw. Speichen gebastelt und jetzt das!!! Keine 500m Radstrecke liegen hinter uns und ich muß bereits die hintere Bremse aushängen um nicht den Reifen zu ruinieren. Prima Start und es warten noch ca. 999,5km bis zum rettenden Radhändler in Whitehorse. Teilweise müssen wir in 20km-Abständen anhalten, das Gepäck abnehmen und dann die Speichen nachziehen, einmal sogar unweit eines Klee fressenden Schwarzbären. Bei Tageskilometer 104 müssen wir die Bremsbacken abmontieren, der eiernde Hinterreifen reibt jetzt sogar an den ausgehängten Bremsen. In Gedanken sehe ich mich schon mit ausgestrecktem Daumen an der Strasse stehen. Wir sind am einsamsten Abschnitt des gesamten Alaska Highway und ich habe einen Mega-Achter im Hinterrad. Besser hätten wir es nicht planen können!!!

Alaska Highway – Kilometer 453

Wir entfernen uns immer weiter von der Zivilisation und damit wird die laufende Berichterstattung natürlich nicht einfacher. Die Bilder können wir aus technischen Gründen leider immer erst Tage später an den Bericht anhängen. Es lohnt die alten Berichte nachträglich wieder aufzurufen, z.T. finden sich dort neue Bilder. Doch zurück ins aktuelle Tagesgeschehen. Wir sind in dem kleinen Ort Fort Nelson angekommen, km 453 des Alaska Highway.

Von Prince George nach Dawson Creek haben wir erneut die Rocky Mountains gequert und auf moskitoverseuchten Zeltplätzen übernachtet. Nahe Dawson Creek durften wir in dem Fünf-Häuser-Ort Progress nahe der Freien Kirche von Pastor Lee zelten. Gebeutelt von schlechtem Wetter und Wind, wollten wir uns etwas bei ihm ausheulen. Er meinte aber nur, dass in dieser Region Schnee in jedem Monat fallen könnte und minus 50 bis 55° Celsius im Winter nicht ungewöhnlich seien. Als uns kurz darauf ein Schweizer Radfahrer berichtet, er hatte im Norden von British Columbia so starken Gegenwind, dass er selbst in der Ebene schieben musste, wird uns klar, dass wir jeden Tag mit halbwegs brauchbaren Wetterverhältnissen wertschätzen müssen.

Das wahre Kanada??

Das Wetter kippt, vorbei sind die Zeiten mit saharaähnlichen Temperaturen und schweissnassen Radlern. Doch das Wetter kippt zu stark. Nach einem schneereichen Winter springt auch der Sommer etwas aus der Reihe. Er ist zu kühl und unangenehmerweise zu feucht. Regenjacke und -hose müssen wir immer öfter auspacken. Doch damit haben wir eigentlich gerechnet. Auch an anderer Stelle wird Kanada langsam unserer „Erwartungshaltung“ gerecht. Die Strassen werden immer einsamer (bisheriger max. Streckenrekord von Ortschild zu Ortschild: 211km) und die Natur immer ursprünglicher. Wildtiere sind mittlerweile ein treuer Begleiter der Reise. Neben Adlern, Hirschen und Elchen tauchen auch regelmäßig Bären auf. Kaum ein Fahrtag vergeht an dem wir nicht einen der pelzigen Gesellen sichten. Noch sind es ausschließlich Schwarzbären, doch einen Grizzly sollten wir auch bald in der Sammlung haben (in der sich schönerweise auch schon ein Luchs und etliche Dickhornschafe befinden).

Hitzschlag in Kanada

In Seattle müssen wir Hugo leider schon auf den Flughafen bringen. Dummerweise vergisst er seine Knieschmerzen mitzunehmen, drei Tage plage ich mit Problemen im rechten Knie, während Juwi von seinem Rücken gequält wird. Doch bevor wir wieder auf das Fahrrad steigen, gilt es erstmal den Finaleinzug zu feiern. Zusammen mit anderen Reisenden schauen wir das EM-Halbfinale gegen die Türkei. Mit dabei auch Os und Memo aus Istanbul, die die Niederlage gelassen nehmen. Sie ahnen auch nicht, daß eigentlich Juwi, Hugo und ich für den Sieg verantwortlich zeichnen. Durch Trinken von 3Liter Kinderbier (=3 deutsche Tore) haben wir den Weg ins Finale vorbereitet (so bilden wir es uns zumindest ein...).

Wiedersehen am Mount St. Helens

Anscheinend haben wir zu viele Hoffnungen auf Eureka gesetzt. Das ganz grosse Mietwagenangebot wartet leider nicht auf uns und Busse in Richtung Norden sind auch Mangelware. Die zweifellos nett gemeinte Bemerkung eines Avis-Kunden, dass ich dem Marvel-Star Hulk sehr aehnlich sehen wuerde, bringt uns auch nicht weiter. In unserer Verzweiflung mieten wir einen Mini-LKW, dessen Pritsche wir als Schlafplatz nutzen. Endlich kann es wieder mit Karacho gen Norden gehen.

In Oregon angekommen treibt uns nur eine Sorge um, Deutschland spielt in ein paar Minuten gegen Portugal. Es ist nicht einfach in diesen einsamen Regionen um 11:30Uhr am morgen eine offene Kneipe zu finden, die auch noch Fussball zeigt. Tatsaechlich finden wir in Port Orford eine duestere "Hafentaverne" voll mit "fussballbegeisterten" trinkseligen Fischern. Auf mehrfache Nachfrage findet die Bardame wirklich den Fussballkanal und entgegen unserer Befuerchtung bleibt sogar der empoerte Aufschrei der Seeleute aus. Die scheinen ganz belustigt von den eigenartigen Deutschen, die vor und nach jedem Tor ganz eigenartig auf ihren Barhockern rumrutschen und -huepfen.. Yes, 3:2, da machen die "Oregon Sanddunes" noch mehr Spass. Unser Zeltplatz ist fast menschenleer und in den Duenen stoert uns ueberhaupt niemand mehr; ein Sandmeer ganz fuer uns alleine.

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