Wasser, Wasser und noch mehr Wasser

Unser Campingteam groovt sich ein. Am Campingplatz einchecken, Dachzelt aufschlagen, locker abhängen, wir sind voll angekommen. Tatsächlich machen es einem die USA aber auch sehr leicht zu reisen und zu campen. Ein dichtes Straßennetz, überall Tankstellen und (daueroffene) Einkaufsmöglichkeiten. Mit manchem fremdeln wir noch (u.a. Backwaren und einlagiges Klopapier), aber die positiven Erfahrungen überwiegen. Es ist in der Tat schön überall mit einem Lächeln und nettem Smalltalk begrüßt zu werden. Und auch der folgende Punkt, so profan er erscheinen mag, ist erwähnenswert (gerade weil Deutschland in dieser Hinsicht leider sehr bescheiden unterwegs ist). Wer kein Granufink zur Hand hat, ist für das dichte Netz an öffentlichen und saubere Toiletten sehr dankbar.

Nach der großen Hitze um Baltimore werden die Temperaturen in Richtung Boston erträglicher und ab und an fällt auch Regen. Wir beziehen in Mansfield nahe dem Boston Stadion (Foxborough) Station. Wir hören üble Geschichten vom schlechten öffentlichen Transport von Boston in Richtung Stadion. Die fast unglaubliche 50km Entfernung vom Zentrum Bostons macht auch die Nutzung von Taxi oder Uber schwierig und teuer. Die vor der WM in Deutschland kolportierten 100,-$ Parkgebühr scheinen tatsächlich auch kein Märchen zu sein. Die eben noch gelobte USA zeigt sich hier tatsächlich als schlechter Gastgeber. Cool, wer campen kann und sein eigenes Fahrrad dabei hat. Ich hole mir ein, trotz 60,-$ Nachlass, völlig überteuertes Ticket für das Match Irak - Norwegen (1:4) und radle gemütlich die 15km Richtung Stadion; die perfekte Lösung. Wie es scheint, bin ich der einzige Radfahrer vor Ort und überfordere damit etwas die FIFA-Volunteer mit meinem Wunsch nach einem sicheren Abstellplatz.

Wer bei Ticket und Anreise spart, darf sich vor Ort dann doch mal ein kleines Bierchen gönnen. Ich sehe keine Preisangabe, rechne aber mit einem hohen einstelligen Preis für das kleine Fläschchen. Was bin ich naiv, hier herrscht Raubtierkapitalismus der übelsten Sorte. 16,-US!!!! und Trinkgeld wird auch noch erwartet. Unglaublich, und ich spiele auch noch voll mit bei der Abzieherei. Ich wollte mir mein eigenes Bild von der WM machen, viele negativen Infos werden aber leider doch bestätigt. Die WM ist eine absolut geile Erfindung/Veranstaltung und es ist einfach nur cool, mit Menschen aus aller Welt den Fußball abzufeiern, allein die Begegnungen mit den Schotten in und um Boston machen einfach nur Spaß. Nur grenzen die Preise einfach viele Interessierte aus und vieles verkommt zum puren Happening. Der Anteil der Personen, die nur wegem dem Event und weniger wegen dem Sport hier sind, wird von Turnier zu Turnier größer (wobei diese Entwicklung natürlich kein reines Sportthema ist und ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen darstellt). Überall Selfie-Alarm, Riesenschlangen vor den beknackten FIFA-Verkaufsständen und um mich herum z.T. null Aufmerksamkeit für das Spiel. Mein eigentlich netter, aber angetrunkener (argentinischer) Sitznachbar, beschimpft ständig alle lautstark als Boludos (Depp, Schwachkopf..), schläft dann aber zum Glück schon nach 15min Spielzeit (auf meiner Schulter) ein und wacht erst zum ersten Tor(jubel) wieder auf. Bei der vierköpfigen Familie vor mir, ist die Mama ständig am Essen und Trinken heranschleppen. Keine Ahnung, ob sie überhaupt das Endergebnis mitbekommt?! Wie kann man in Summe vierstellige Beträge für Tickets ausgeben und dann noch ständig überteuertes, drittklassiges Stadionfood konsumieren, nur um ungemütlich in der Sonne zu sitzen. Haben sie Gratiskarten? Warum sind manche Plätze leer und auf der Seite der FIFA werden bis kurz vor das Spiel immer noch Mondpreise verlangt? Ich verstehe manches nicht und bin trotzdem doch etwas stolz den vierten WM-Besuch in serie (mit eigenem Fahrzeug) fortgesetzt zu haben. Die nächste WM (2030 in Marokko/Spanien/Portugal plus Südamerika) ist fest in Planung (bin leider doch auch ein kleiner Event-Ritter). Vielleicht wird da alles etwas ehrlicher, bescheidener ("I had a dream..")

Nach dem WM-Flash kühlen wir am sehr schönen Cape God etwas runter und stürzen uns dann noch einmal in den WM-Trubel in Boston um unter anderem meine Cousine Ingeborg zu treffen, die als FIFA-Volunteer aktiv ist. Nach einer schönen Mischung, aus Natur, Kultur und Fußballtrubel geht es dann Richtung Toronto/Kanada, bei Yannik und Marcus zeigt der Zeiger langsam Richtung Rückflug. Wir nehmen den Weg durch das einsame Hinterland von Boston, u.a. geht es durch die dünn besiedelten Staaten New Hampshire und Vermont. Wir wollen schöne Landschaft und vor allem einige Schluchten und Wasserfälle mitnehmen. Wir besuchen dabei den Franconia Notch, Watkins Glen und den Letchworth State Park. Von mal zu mal werden die Wasserfälle größer und spektakulärer. Leider kommt dabei nicht nur immer mehr Wasser die Fälle, sondern auch immer mehr Wasser aus dem Himmel herrunter. Den negativen Höhepunkt bilden die Niagara Fälle. Während in Deutschland Hitze-Notstand herrscht, haben wir kühle Temperaturen unter 20°C und übelsten Starkregen. Der vorläufige Abschied von den USA fällt massiv ins Wasser.

Datum: 25.06.2026 (Tag 20) - Tachometerstand: 100.950km - gefahrene Kilometer: 2730km (davon USA: 2730km / Kanada: 0km) - Ort: Niagara Falls State Park (New York / USA)

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