Mensch und Maschine am Ende?!

Bevor ich mit Kai ein bekanntes Gesicht wiedersehe, spricht mich am Hotelaufzug ein Kanadier auf mein Esslinger Kennzeichen an. Tatsächlich hat er selbst jahrelang in Esslingen nahe der Burg gelebt und spricht ein ganz akzeptables Deutsch. Die sich schließende Aufzugstür verhindert einen weiteren Austausch, es bleibt aber eine weitere von vielen netten Begegnungen auf der Reise in Erinnerung. Nicht viel später ist dann aber das richtig bekannte Gesicht am Start. Kai betritt wohlgelaunt den Empfangsbereich des Internationalen Flughafen Torontos.

Eigentlich hat ihm seine persönliche Wohlbefinden-App mitgegeben, am ersten Tag nach Ankunft die Beine stillzuhalten, aber was können Männer Ü50, respektive Ü60 gar nicht leiden? Wenn jemand meint, sie sollten sich körperlich zurücknehmen, da sie in die Jahre gekommen seien. Also munter eine fette Zweitagestour mit dem Rad planen und dann auch noch das Radverleihgeschäft in Toronto aussuchen, dass max. vom Zielort Niagara-Fälle entfernt liegt. Schnell kommen noch einmal 20Meilen on top.

Allen Einheimischen, denen ich vor der Fahrt von unseren Radelplänen erzählt habe, haben begeistert vom sogenannten Watertrail gesprochen. Doch je länger wir unterwegs sind, werde ich das Gefühl nicht los, sie sind die Tour selbst noch nicht gefahren oder sie kannten eine schöne Alternativroute. Das Wetter ist am Anfang bescheiden, die nicht vorhandenen Radwege bescheiden bis beschissen und das garmin von Kai verabschiedet sich gleich zu Anfang. Meine Rad-App verabschiedet sich kurz danach und google maps ist eben auch nicht der Superjoker. Leicht zu erkennen an der Tatsache, dass die wenigen Radfahrer, die wir auf der Strecke überholen, komischerweise nach kurzer Zeit wie von Zauberhand wieder vor uns auftauchen.

Wir passieren gesichtslose Vorstädte, traurige Kanadier (beim trostlosen 0:3 Public Viewing gegen Marokko im Regen), verlieren die Kette, flicken einen Platten und nachdem wir es schon fast aufgegeben haben, führt uns der Weg endlich schön am Lake Ontario entlang. Weltklasse, nach dem traurigen Stop and go durch Toronto fliegen wir jetzt an der Uferpromenade entlang, nur um ein paar Kilometer später wieder übel ausgebremst zu werden. Der offizielle Watertrail führt jetzt direkt an der Autobahn/Highway entlang. Der See ist nicht mehr zu sehen, einzige Abwechslung ist von Zeit zu Zeit eine Lärmschutzwand, die den Blick auf den hektischen Verkehr versteckt.

Völlig gerädert erreichen wir am Abend den Ort Niagara Falls, nach 155km verzichten wir auf weitere 5km zu den Fällen. Das heben wir uns für morgen auf, auch wenn die App von Kai mahnt, dass er morgen auf jede Anstrengung verzichten sollte. Unser grenzwertiges Motel und das bescheidene Abendessen haben uns nicht geschadet, trotz dem harten Vortag haben wir Lust auf die lange Rückfahrt. Wie viel die innere Einstellung ausmacht zeigt uns dann die Rückfahrt. Wir ignorieren im Geiste die unseligen km an der Autobahn und genießen vor allem die Wasserfälle, die Abschnitte am Lake Erie/Ontario Kanal, am Ontario See und vor allem ignorieren wir die Routenvorschläge vom Handy und fahren maximal lang in Seenähe durch das unendlich erscheinende Villenviertel, das allein schon wegen seinen zahlreichen Prunkbauten sehenswert ist. So kommen wir erschlagen, aber durch aus fröhlich nach etwa 170km am Hotel an. Fazit: keine Tour für alte Männer, aber mit der richtigen Einstellung und Leidensfähigkeit doch eine durchaus sehenswerte Veranstaltung.

Auf die harte Tour folgt ein Tag der Entspannung in Toronto. Auch ohne die App erkennen wir, dass heute piano Programm angesagt ist. Anschließend geht es auf die lange Fahrt nach Kalamazoo/Michigan. Bevor wir die ehemalige Studentenstadt von Kai überhaupt erreichen, wartet eine knallharte Grenze. Wie im Supermarkt entscheiden wir uns zielsicher für die falsche Schlange. Nachdem wir uns noch wundern, warum bei allen anderen Grenzposten die Fahrzeuge nur so durchschwuppen, ist uns spätestens bei der Begegnung mit unserem Grenzbeamten der Fall klar. Unfreundlicher kann man Einreisende nicht begrüßen und seine Gregory Bovino Frisur lassen seine innere Einstellungen gegenüber Fremden erahnen. Tatsächlich werden wir aussortiert und müssen im Verwaltungsgebäude nachsitzen. Dort läuft alles regulär seinen Gang und wir sind auch bald wieder freie Bürger. Vermutlich war der unterschiedliche Einreisestatus (Kai-Kanada / ich-New York) der Grund für Irritationen.

Kalamazoo enttäuscht uns etwas. Der Ort im Niemandsland scheint auf dem absteigenden Ast und Kai muss erkennen, dass er seine Uni-Zeit über die Jahre wohl doch etwas verklärt hat. Wir machen das Beste daraus, vor allem schon wieder eine kernige Radtour und schauen auch bei VW vorbei. Das tapfere Bussle läuft zwar wie ein Einserle, aber das Startverhalten wird immer problematischer. Die VW-Jungs machen einen guten und freundlichen Eindruck, zu unserer Enttäuschung müssen wir aber registrieren, dass VW USA und VW Deutschland zweierlei Geschichten sind. Unser T6 ist leider eine rein deutsche Produktion, die in den USA nicht gefahren wird. Mit Mühe können die Mechaniker deshalb nur die Fehler auslesen. Ersatzteile, geschweige denn die passende Reparatur können sie nicht anbieten. So wird leider unser Startproblem zum Dauerthema, das etwas die gute Stimmung belastet.

Die schönen, folgenden Programmpunkte leiden darunter. Unter anderem geht es am Lake Michigan zum Indian Dunes Nationalpark und dann weiter nach Chicago mit seiner beeindruckenden Skyline. Auch ein Besuch in der Werkstatt steht wieder auf dem Programm, leider ähnlich erfolglos wie in Kalamzoo. Da das Fahrzeug aber noch läuft donnern wir weiter nach Kansas City / Kansas. Eigentlich war die Idee, hier zum letzten male etwas WM-Feeling mitzunehmen, da in der Stadt das Viertelfinale Argentinien-Schweiz ansteht. Wegen den andauernden Motorenproblemen und der großen Entfernung unserer Bleibe zur Innenstadt, bleibt es aber beim Fußballschauen in der nächstgelegenen Bar.

Während Kai von Kansas City aus den Heimflug antritt, checke ich dank K(a)I die Werkstätten, die eventuell bei Problemen mit deutschen Fahrzeugen und/oder Turbodiesel unterstützen könnten. Gleich Montagfrüh greife ich zum Hörer und muss wie erwartet feststellen, dass niemand auf meine Probleme gewartet hat. Der vermeintlich größte VW-Spezialist ist auf drei Wochen ausgebucht und auch sonst wenig kooperativ. Viel besser läuft es mit Kansas City Autosport. Die Jungs trauen sich zwar nicht an das Fahrzeug heran (das Problem liegt vermutlich am AGR Ventil / Abgasrückführung), aber sie geben mir zahlreiche und gute Tipps. So traue ich mich, die lange Fahrt Richtung Denver anzutreten, ca. 900km durch den einsamen bis sehr einsamen Mittleren Westen.

Datum: 13.07.2026 (Tag 38) - Tachometerstand: 103.315km - gefahrene Kilometer Auto: 5006km (davon USA: 4114km / Kanada: 892km) - gefahrene Kilometer Fahrrad: 815km - Ort: Kansas City (Kansas / USA)

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