Interstate wir kommen

Mir wird heiß und kalt und zugleich, was bei Außentemperaturen von knapp 40°C gar nicht so einfach ist. Nachdem schon die resolute Schrankenwärterin am Eingang zum Hafen befunden hat, Herr Langohr ist nicht im System, ergo der Mann kommt hier nicht rein und auch der zweite Kontrollposten erklärt hat, es fehlt ein Eintrag, nämlich der vom Zoll. Befindet jetzt auch tatsächlich der Zoll selbst, sie hätten keine Unterlagen zu meinem Fahrzeug. Das Schrankenproblem ließ sich noch leicht lösen. Einfach zu Schranke II wechseln und bei dem dortigen Kontroletti das Missverständnis aufklären, ich will doch gar nicht als LKW-Fahrer im Hafen anheuern, sondern nur mein Fahrzeug abholen. Auch der zweite Posten ließ sich leicht mit dem direkten Gang zum Zoll überspringen, doch beim Zoll selbst ist jetzt Sackgasse. Keine gültigen Papiere, kein Fahrzeug! Werde ich ein weiteres Opfer im europäisch-amerikanischen Zollstreit?!?

Mein lässig freundlicher Escort-Servicemann Derek versucht mich etwas unbeholfen zu beruhigen, diese Probleme hätte er noch nie erlebt. Wobei ich den Verdacht nicht loswerde, dass das vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass er überhaupt noch nicht viele Europäer in den Hafen begleitet hat. Während er sich in sein klimatisiertes Auto zurückzieht, stehe ich bei jämmerlicher Schwüle in der Knallesonne und arbeite an Plan B während parallel mein Gehirn schmilzt. Ganz ehrlich, ein paar Tage länger in Baltimore abhängen bis alle Papiere eingetroffen sind, wäre jetzt auch nicht der Killer, aber bei den aktuell apokalyptischen Temperaturen, der fiesen Luftfeuchtigkeit und dem trostlosen Hafengelände, würde ich einfach nur gerne in mein rotes Bussle steigen und losdüsen.

Blick zurück, Mitte Mai haben wir das Fahrzeug erfolgreich in Hamburg eingeschifft. Anfang Juni geht das Fahrzeug in Baltimore an Land, während wir parallel in New York landen. Auch bei unserer Anreise mit dem Flieger lief nicht alles ganz glatt. Als Letzte besteigen wir die Maschine nach London und können quasi die Türe hinter uns schließen, nachdem Yannik Probleme beim Check-In hat und Marcus beim Boarding erstmal ganz aussortiert wird. Beim New York Flug scheint mit meinem Ticket etwas nicht zu stimmen, aber das ist alles so was von vergessen, als wir schlussendlich den Big Apple erreichen. New York ist definitiv einfach eine der coolsten Städte auf diesem Planeten. Bestimmt nicht an jeder Ecke hübsch anzusehen, aber einfach beeindruckend und immer wieder überraschend und spannend. Kleiner Seitenhieb übrigens in Richtung Don, der by the way auf seinem Weg zum New York Knicks - San Antonio Spurs NBA-Finale gefühlt mit dem Hubschrauber auf dem Dach unseres AirBnB landet Die "Weißen" verdienen das Geld, die Migranten (meist aus Lateinamerika) halten den verrückten Laden aber zusammen in dem sie auf den unzähligen Baustellen der Stadt malochen und auch sonst alle notwendigen Dienstleistungen tätigen, die die Stadt am Laufen halten.

Geplättet von der Powerstadt New York ging es weiter nach Baltimore, wo wir easy peasy unseren Roten Renner einsammeln wollten, denn um mit Sinatra zu sprechen, wer es in New York schafft, der schafft es überall. Doch Pustekuchen, konnten wir die resolute Schrankendame noch umgehen, so ist der Zoll doch eine andere Hausnummer. Gebannt starre ich auf das Schiebefenster mit Milchglas, es wird sich doch irgendwann wieder bewegen. Und es bewegt sich tatsächlich wieder, ich halluziniere nicht. Der Zollbeamte scheint immer noch nicht ganz zufrieden, doch zum einen ist er sehr angenehmer Zeitgenosse und kurz darauf auch mein bester Freund. Er winkt meinen Fall durch, irgendwelche Daten scheinen sie doch noch gefunden zu haben. Zurück zu Posten II, kurz abklatschen und weiter zum Parkplatz mit den Fahrzeugen. Bussle entdecken, riesig freuen und beim nächsten Posten unterschreiben, dass mit dem Fahrzeug alles in Ordnung sei. Mit Derek abrechnen und am Ende noch mit der Dame an der letzten Schranke schäkern und ihr versprechen, dass ich auf dem Rückweg wieder vorbeikomme und sie mit nach Europa nehmen werde. Für eine offene Schranke bin ich aktuell bereit einiges zu versprechen. Kurze Zeit danach bin ich wirklich "frei", sammle schnell noch Marcus und Yannik im Hotel ein und dann geht es auf die Interstate 97 Richtung Washington D.C.

Vor Washington kaufen wir noch schnell einen der unzähligen Walmarts leer und zahlen erstmal Lehrgeld an der Tanke. Die günstigen Sam'S Club Tankstellen sind halt eben auch nur für Sam's Club Mitglieder. Der Exotenbonus (VW mit deutschem Kennzeichen) zieht und wie so oft in den ersten Tagen wird uns freundlich und unkompliziert geholfen, der Tankstellenwärter leiht uns seinen Clubausweis aus. Washington selbst erschließen wir uns dann ausgehend vom Greenbelt Park, endlich wieder campen. Leider ist das sehr sehenswerte Washington durch die anstehenden Feierlichkeiten etwas verschandelt. Große Bereiche sind abgesperrt, der frisch sanierte Reflecting Pool ist total veralgt, ein Klohäuschen reiht sich an das nächste und auch der wenig schicke Ultimate Fighting Käfig lässt sich in der Ferne ausmachen. Doch es ist einiges geboten. Um das Weiße Haus irritieren einige Prediger, die mit überdimensionalen Megaphonen den Präsidenten beschallen. Kurz rast ein Riesenkonvoi vorbei, allerdings lässt sich nicht erkennen, ob wir nach New York, schon die zweite Begegnung mit dem ersten Mann im Staate haben. Weniger ist auf der FIFA-Fanmeile los, wir checken die Lokation, fliehen aber wegen dem schlechten Wetter und verbrüdern uns zwar nicht auf der Country Road, sondern in der Sportsbar mit einer netten Mannschaft aus West Virginia. Auch der zweite Anlauf in Richtung Fanmeile löst sich dann leider in Luft auf, das Gelände wird wegen drohendem Unwetter geräumt.

Wir haben uns ein strenges Reiseprogramm vorgenommen und Boston bzw. die Fußball-WM is calling, vielleicht klappt es dort oder in Toronto mit einem WM-Spielbesuch?! Das bedeutet, das geschichtlich so hochinteressante Amish Country besuchen wir auf der Weiterreise nur kurz und auch durch New York quälen wir uns beim Besuch mit dem Auto nur im Transit. In Stamford checken wir fix beim Kolumbianer ein um das flockige 7:1 gegen Curacao anzuschauen, langsam kommen wir tatsächlich in Turnierlaune.

Datum: 14.06.2026 (Tag 9) - Tachometerstand: 98.971km - gefahrene Kilometer: 751km (davon USA: 751km / Kanada: 0km) - Ort: Hammonasset State Park (Connecticut / USA)

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