Ab in die Berge

Die Motorenprobleme scheinen vergessen. Dank der Ferndiagnose von VW-Mastermind Albert Marco Schöttle sind die Schwierigkeiten vermutlich Geschichte. Die niedrigere Cetan-Zahl des amerikanischen Diesels gleiche ich mit Additiven aus. Der Rote Flitzer zündet wieder wunderbar und läuft auch sonst superrund. So rund, dass ich die lange Strecke Kansas City - Denver fast auf einen Schlag durchziehe. Erst kurz vor Denver beziehe ich in dem einsamen Prärienest Seibert Nachtlager. Hier wird mir zum wiederholten male klar, dass es zu kurz greift die USA und vor allem ihre Einwohner über einen Kamm zu scheren. Größer als der Unterschied zwischen diesen zwei meiner vielen Stationen, nämlich New York und jetzt Seibert könnte der Unterschied kaum sein. Wer lebt hier?, wer hat Lust hier zu leben? Der verlassene alte Ortskern könnte trostloser kaum sein.

Doch ich bin glücklich über die Wiedergeburt des Roten Renners, sodass ich Seibert aller Trostlosigkeit zum Trotz in mein Herz schließe. Selbstredend geht meine Liebe nicht so weit, dass ich länger bleibe. Am Folgetag bin ich in Denver und kurz danach begrüße ich auch schon Hugo meinen alten Reisefreund. Ähnlich wie Kai, bekommt auch er keine Schonfrist. Kurz Denver checken, dann geht es am Folgetag nach Colorado Springs bzw. Manitou Springs. Während Kai gleich in die Pedale treten musste, soll Hugo in die Höhe. Wir machen den anspruchsvollen Barr Trail. Es geht über 20km und 2200Höhenmter auf den 4300m hohen Pikes Peak. Anstrengend vor allem, weil uns beiden noch die entsprechende Höhenanpassung fehlt. Zudem muss hier jederzeit mit widrigen Bedingungen gerechnet werden, was uns auch gleich entsprechend einholt. Kurz unter dem Gipfel geraten wir in ein (leichtes) Gewitter, dass die Temperaturen auf knapp über null Grad fallen lässt und unangenehmen Graupel mit sich bringt. Kurzarm-Deutschlandtrikot-Träger Hugo erreicht den Gipfel nur halberfroren. Doch fleißige Wandersmänner haben ab und an auch verdientes Glück. Wir dürfen ein paar Meter beim Parkshuttle mitfahren und werden vom Deutschamerikaner Martin, der zufällig auch im Bus sitzt und unser Elend sieht, ins Tal mitgenommen. Martin ist ob der Freude über wandernde Halblandsleute ganz selig und fährt erstmal mehrere Kilometer in die falsche Richtung. Am Ende sitzen wir dann aber doch selig in der lokalen Brauerei in Manitou Springs und genießen das Siegerbier.

Grandioser Abschluss des Tages ist die finale Taxifahrt zum Campingplatz. Weltklassefahrer Keith, kann es nicht glauben, dass wir in Rekordzeit und ohne Akklimatisierung den Berg hochgerannt sind und überschlägt sich in Superlativen. Er fährt uns final bis vor unsere Autotür und gibt mir die heilige Aufgabe mit, dass ich unbedingt meiner Frau Isabel sagen muss, was für ein sensationeller Kerl ich sei, weil die Bergwanderleistung so außergewöhnlich war. Tatsächlich waren wir, bei aller Bescheidenheit, schnell und ausschließlich auf der Überholspur unterwegs. Allerdings geht das auch noch ganz anders, wie wir mehrfach sehen konnten. Colorado Springs ist Olympiastützpunkt der USA und beliebt bei Athleten aus aller Welt, weil hier optimal Höhentraining betrieben werden kann. So joggen in der Höhe auf über 3000m Meter absolute Topathleten in Laufschuhen in Rekordtempo über die Wanderpfade, dass man nur so staunen kann.

Von Colorado Springe drehen wir eine kurze Runde in die Rocky Mountains und kehren via Buena Vista und (Fund and) Fairplay bei Boulder wieder auf die östliche Seite der Rockys zurück. Dort verabschieden wir uns von der WM und setzen uns am Sonntagmittag in die übervolle Sportsbar. Keiner scheint sich für das Finale zu interessieren und so verbuchen wir auch das allgemeine Verhältnis der Amerikaner zur WM und zum Fußball. Doch auch dieses mal täuschen wir uns, wie so oft in Land und Leute. Als es zum Ende hitzig wird im Finale bebt der Schuppen und nach dem Spiel ist der Laden leer. Fast alle Besucher waren tatsächlich wegen Fußball schauen hier und auch beim Gespräch in den folgenden Tagen, bemerken wir, dass das Interesse am Fußball groß ist, vor allem bei jungen Leuten.

Alright, Fussie ist Geschichte, jetzt geht es richtig in die Natur. Die Idee haben scheinbar viele. Der Rocky Mountains Nationalpark nordwestlich von Denver ist übervoll mit Besuchern, aber auch wunderschön. Und wer Ruhe möchte besteigt eben einen der zahlreichen Gipfeln, dann ist Einsamkeit schnell wieder gegeben. Wir genießen die Landschaft und das pralle Tierleben, dass einen ungefragt anspringt und bewegen uns dann via Wyoming nach Süd-Dakota um den berühmten Mount Rushmore und die sogenannten Black Hills zu besuchen. Die Amerikaner lieben Rekorde und so ist auch in dieser einsamen Gegend neben den berühmten steinernen Präsidentenköpfen einiges an Superlativen geboten, zwei der größten/längsten Höhlen der USA bzw. Welt, der ergiebigste Mammutfundort, die größte Bisonherde Nordamerikas und zu unserem Leidwesen auch ultraüble Temperaturen jenseits der 40°C. Auf einmal finde ich das alberne "überall mit Getränkeflasche herumlaufen" der Amerikaner gar nicht mehr so albern. Hugo und ich füllen uns an der Tankstelle die fast einen Liter großen Becher mit reichlich Eis und Zuckerwasser.

Zum Abschluss der Runde durch Wyoming, Süd-Dakota und Nebraska wartet noch einmal ein richtiger Knüller. Bevor wir Hugos Verwandtschaft im Süden Nebraskas besuchen, wollen wir bei der historische Stätte Fort Robinson nahe Crawford vorbeischauen. Neben der wichtigen Rolle des Fort als letzter Außenposten der Armee im späten 19.Jahrhundert, diente das Fort im zweiten Weltkrieg auch als Kriegsgefangenenlager für deutsche Soldaten. Unter anderem waren hier viele Soldaten des deutschen Afrikakorps interniert, darunter auch Hugos Vater. Das sehenswerte Museum widmet deshalb auch einen kleinen Teil seiner Ausstellungsräume diesem Thema. Umso größer die Freude und Überraschung, als Hugo ein Bild und den Ausweis seiner Vaters unter den Aussichtsstücken entdeckt. Auch die Museumsangestellten sind ganz angetan, als wir ihnen diese Entdeckung mitteilen.

Von Fort Robinson ist es dann nur noch ein Katzensprung bis Sidney, der Ort an dem Hugos Verwandtschaft lebt. Die letzte Station der gemeinsamen Reise. Hugo wird in Kürze den Flieger Richtung Heimat besteigen und fast zur gleichen Zeit erwarte ich fünf neue Gäste in Denver, darunter Isabel und Ellie. Gemeinsam soll es weiter Richtung Westen gehen, in Richtung Utah und Arizona.

Datum: 28.07.2026 (Tag xx) - Tachometerstand: 106287km - gefahrene Kilometer Auto: 7978km (davon USA: 7086km / Kanada: 892km) - gefahrene Kilometer Fahrrad: 840km - Ort: Sidney (Nebraska / USA)

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