Paradies mit kleinen Fehlern

Toronto, gerne als das kanadische New York dargestellt, enttäuscht nicht, kann aber nicht gegen den großen Bruder aus den USA anstinken. In anderer Reisereihenfolge hätte uns Kanadas größte Stadt, die sehr multikulturell daherkommt, sicherlich mehr beeindruckt. Für Marcus und Yannik ist Toronto die letzte Station, sie besteigen den Flieger Richtung Heimat, während ich die Stadt etwas abradle und dann im Hinterland ausspannen möchte.

Ich habe mir als Ziel die Bruce Halbinsel mit ihrem gleichnamigen Nationalpark ausgeguckt, die weit in den Huron Lake hineinreicht. Der Nationalpark-Camping ist schon ausgebucht (die kanadischen Ferien haben angefangen und es steht der Canada-Day - 01.07. an), so muss ich auf einen kleinen Camping in der Pampa ausweichen, was sich als echter Glücksfall erweist. Außer ein paar lässigen Dauercampern findet sich vor allem Natur pur und der See ist gleich um die Ecke. Die kanadischen Dauercamper sind herrlich entspannt und mit Norm finde ich einen spannenden Gesprächspartner. Der frühere Martial Arts Kämpfer und passionierte Sportler gibt mir viele Infos und den einen oder anderen Routentipp für meine Radtouren. Was in seinen Beschreibungen nach gut radelbar klingt, stellt sich für mich aber als unüberwindbarer Sumpf dar, bei der ich nach Hälfte des Weges aufgeben muss. Ich schätze, er ist doch einiges mehr Naturbursche als ich.

Auch bei der Begegnung am Folgetag ist er herrlich gleichmütig, während mir fast das Herz in die Hose rutscht. Ein anderer Campingnachbar hat eine Klapperschlange neben seinem Wohnwagen entdeckt und möchte sie im Wald entsorgen. Während ich vor Aufregung kaum mein Handy halten kann, verfrachten die beiden mit Hilfe zweier Rechen die Schlange in der Kühlbox und tragen sie in den Wald. Norm führt mich dann gleich noch in den nahen Sumpf und meint, wenn wir Glück haben, sehen wir die Schnappschildkröte wieder, die er gestern entdeckt hat. Ich rutsche vor Nervosität fast aus meinen Sandalen (die Schildkröte kann mit ihrem messerscharfen Kiefer üble Wunden verursachen) und nehme mir vor ab jetzt nur noch mit festem Schuhwerk unterwegs zu sein. Tatsächlich ist der Plan nach kurzer Zeit auch schon wieder verworfen. Hier ist einfach too much piece and love und mit etwas Abstand relativieren sich auch die potentiellen Gefahren. Augen auf im Straßenverkehr bzw. auf Campingplatzwegen, dann spricht auch nichts gegen die gute Sandale. Der größte tierische Endgegner in solchen Breitengrdaden sind meist sowieso die unseligen Moskitos bzw. hier auch noch die gnadenlos zwickenden (Stuben-)Fliegen.

Ich verwerfe meinen Plan die Manitoulin Insel zu besuchen, seines Zeichens immerhin die größte Binnenseeinsel der Welt. Zu viel schöne Natur und nette Touren bieten sich auch hier schon auf der Bruce Halbinsel an. Zusätzlich will ich auch mehr radeln um mich fahrradtechnisch wieder etwas fit zu machen. Mit dem Strava-Monster Kai kündigt sich der nächste Mitreisende an, mit dem ich einige Fahrradkilometer reißen möchte. Also munter radeln, der Schnappschildkröte schnell noch "Hallo" sagen, die sich am letzten Tag auf dem Asphalt sonnt und dann wieder zurück nach Toronto, wo das Fahrradabenteuer starten soll.

By the way, Fußball war ja auch noch. Mit der festen Absicht mir für das vermeintliche Spiel gegen Frankreich eine gute Lokation auszuschauen, habe ich akzeptiert das Paraguay-Spiel im Hinterland ohne TV zu überleben; der Live-Ticker sollte es richten. Bei dürftigem Empfang war es ein absoluter Glücksfall auf Stand zu bleiben. Im Nachhinein betrachtet, war es aber wohl keine schlechte Entscheidung, dass traurige Spiel so zu verfolgen. Nach 2018 und 2022 war auch mein Besuch 2026 im Gastgeberland kein wirklicher Motivationsschub für die Mannschaft :-/ Auch die Hoffnung auf den berühmten Schmetterlingsschlag in New York hat sich nicht erfüllt. Die Wunsch-Theorie, dass ein großes körperliches Opfer meinerseits irgendwie einen Teil zu einem Sieg gegen Paraguay beitragen könnte ist verpufft. Meine harte und schweißreiche Radtour nach Tobermory hat nichts ausgetragen. Nun gut, wer weiß, vielleicht hätten wir ohne meinen Einsatz nicht mal den Ausgleich geschafft?!

Datum: 02.07.2026 (Tag 27) - Tachometerstand: 101.534km - gefahrene Kilometer Auto: 3314km (davon USA: 2730km / Kanada: 584km) - gefahrene Kilometer Fahrrad: 328km - Ort: Toronto (Ontario / Kanada)

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